Das Grundgesetz wird 70. Was hat es in Unternehmen zu suchen?

Das Grundgesetz wird 70 und hat auch in Unternehmen nichts an Aktualität verloren.

Das Grundgesetz wird 70. Was hat es in Unternehmen zu suchen?

Am 23. Mai feiert die Bundesrepublik den 70. Jahrestag des Grundgesetzes. Eine gute Gelegenheit, einen Blick auf den Art. 1 Abs. 1 zu werfen. Den Blick wage ich als Experte für das Entscheiden in Organisationen.

 „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Ich erinnere mich mit Freude an eine heftige Diskussion vor vielen Jahren mit Seminarteilnehmern eines großen Bauunternehmens, die zutiefst davon überzeugt waren, dass der Artikel 1 und darüber hinaus das gesamte Grundgesetz in Unternehmen und ganz speziell in ihrem Unternehmen keine Gültigkeit habe. Anders könnten sie sich das Verhalten ihrer Führungskräfte und des Inhabers nicht erklären. Sie meinten, ihre Würde würde mit Füßen getreten. Auf meine Aufforderung hin riefen sie den Justiziar des Unternehmens an, der natürlich bestätigte, dass der Art. 1 und das ganze Grundgesetz auch für ihr Unternehmen Gültigkeit habe. Er wies aber auch nachdrücklich (und etwas süffisant) darauf hin, dass die staatliche Gewalt zur Achtung und zum Schutz der Menschenwürde verpflichtet sei und nicht die Führungskräfte und der Inhaber. Die Häme, die sich über mich ergoss, der so stark die Wahrung der Würde des Menschen auch in Unternehmen verteidigt hatte, war gewaltig und auf lange Frist gesehen sehr lehrreich. Zweierlei Lehren habe ich daraus gezogen.

1. Der Staat kommt seiner Verpflichtung zum Schutz der Würde der Menschen in Unternehmen nach.

Und gibt ihr eine konkrete Gestalt, indem er das Betriebsverfassungsgesetz erlassen hat. Mit ihm regelt er wesentliche Entscheidungsprozesse und -inhalte des Unternehmens zum Interessensausgleich zwischen Arbeitgebern und den Arbeitnehmern. Das Gesetz ist die adäquate Antwort des Staates auf organisatorischer Ebene. Es regelt nicht – und kann es wohl auch nicht – einen menschenwürdigen Umgang der Vorgesetzten mit ihren Mitarbeitern und umgekehrt.

2. Der Artikel 1 sagt aber auch und unzweideutig: „Die Würde des Menschen ist unantastbar – Punkt“.

Dieser Satz hat einen unbestimmten Adressaten. Gemeint sind wohl alle, die Würde der Menschen zu wahren. Der Justiziar hatte am Ende dann wohl doch nicht recht. Auch die Führungskräfte und der Inhaber sind gemeint – und ich füge hinzu, auch alle Mitarbeiter. Aber was bedeutet das konkret für Unternehmen? Was könnte dort die Würde der Menschen ausmachen und wer könnte sie wahren bzw. verletzen? Bernd Schmid vom Institut für systemische Beratung formuliert apodiktisch: „Lass die Menschen in der Würde ihrer Verantwortung“. Jeder Stakeholder im Unternehmen trägt in sich eine ganz spezifische Verantwortung, die sich in den Entscheidungen zeigt, die er in seiner jeweiligen Funktion zu treffen hat. Ob jemand in einer Leitungsfunktion, als Mitarbeiter, Verhandler mit Externen oder als Berater tätig ist, es sind graduelle Unterschiede in der Tiefe und Reichweite der Verantwortung, aber niemals als Form der Verantwortungslosigkeit. Niemand soll entwürdigt werden, indem ihm seine Verantwortung abgesprochen bzw. „geklaut“ wird. Und genau das ist den Seminarteilnehmern täglich passiert, sie wurden durch ihre Führungskräfte und den Inhaber entmündigt, ihrer funktionellen Verantwortung willkürlich beraubt.

Aber nicht nur die jeweils anderen sind diejenigen, die die Beteiligten nicht in der Würde ihrer Verantwortung lassen, sondern leider auch oftmals die Beteiligten selbst. Sie nehmen ihre funktionelle Verantwortung, die sie haben, einfach nicht an. Sie entwürdigen sich selbst, ohne es wirklich zu bemerken. Sie leugnen ihren eigenen Entscheidungsspielraum und beklagen lauthals ihre Abhängigkeit. Ihre Abhängigkeit von der Hierarchie, von der Alternativlosigkeit der Situation, vom Schicksal usw. Und das betrifft beileibe nicht nur die berühmten „kleinen Leute“ in Unternehmen, sondern auch gestandene Vorstände, die ihre Abhängigkeit vom Aufsichtsrat beklagen, wie ich in Coachinggesprächen oftmals erleben konnte. Wie oft, geht auch bei ihnen der Blick nach oben, zu denen, die die Macht haben. Die einen sprechen dann von Ohnmacht, die anderen von mangelnder Selbstwirksamkeitsüberzeugung.

Die Mütter und Väter des Grundgesetzes haben weise formuliert.

Hier lohnt nochmals ein abschließender Gedanke. Es ist wohl schon so, dass Macht der wirksamste Verletzer der Würde des Menschen ist. Und wer könnte der Macht und der Machtausübung nicht bessere Grenzen setzen als der Staat dann, wenn er, wie unsere Bundesrepublik, demokratisch verfasst ist? In diesem Sinn waren die Mütter und Väter des Grundgesetzes sehr weise, den ganzen Artikel 1 zu formulieren: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Bernd Opp
<img src="https://www.das-entscheiden.com/wp-content/uploads/2017/08/Pentaeder-Stuttgart-0356.jpg" /> <br><br> <b>Zur Person:</b> <br> Diplom-Soziologe und Lehrsupervisor (DGSv)<br> Langjähriger Prozessberater und Beratungslehrer<br> Co-Entwickler der DECISIO® Prozesslandkarte.<br> Mit Othmar Sutrich Entwickler des PENTAEDER®Modells<br> Mitgründer des PENTAEDER®INSTITUTS<br> <br> <b> Schwerpunkte:</b><br> Organisationsberatung zum Thema „Entscheiden in Organisationen“ anhand des PENTAEDER®Modells<br> Supervision und Coaching von Beratern und deren Projekten<br> Qualitätssicherung des PENTAEDER®INSTITUTS<br> <br> <b>Direkt-Kontakt:</b><br> <a href="mailto:bernd.opp@t-online.de">bernd.opp@t-online.de</a> <br><br>

One comment

  1. Avatar

    Wunderbar! Vielen Dank für diesen wunderbaren Artikel. Er erinnert uns anlässlich dieses wichtigen Geburtstages an unser aller Verantwortung. Die Verbindung von Würde und Verantwortung werden sehr schön herausgearbeitet.

    Antworten

Schreiben Sie einen Kommentar

Simple Share Buttons