„Die Zukunft war früher auch besser.“

Die Zukunft war früher nicht besser, allenfalls besser vorhersagbar.

„Die Zukunft war früher auch besser.“

Das hat bereits Karl Valentin – der berühmte Münchner Komiker – gewusst. Vor 70 Jahren ist er gestorben. Und heute schaut es auch nicht viel besser aus. Ein Dilemma für alle Politiker, die mit ihren Entscheidungen für die Gestaltung der Zukunft verantwortlich gemacht werden. In den noch nicht lange zurückliegenden Wahlkämpfen in Bayern und Hessen haben die Wähler geradezu penetrant nach den Zukunftsentwürfen der Parteien gefragt. Der Bundeskanzlerin wird immer drängender und ärgerlicher vorgehalten, sie würde sich nachhaltig einer Zukunftsvision für ihr Land entziehen. Sollten Politiker ehrlich sein wollen und etwas Humor haben, müssten sie Valentin zitieren. Mit Humor und Ehrlichkeit scheinen jedoch keine Wahlen zu gewinnen sein.

Die Zukunft war früher nur deswegen besser, weil sie prognostisch aus der Gegenwart heraus sicherer vorhersagbar war, linear hochgerechnet sozusagen. Die Zukunft mag vielleicht besser sein als das Heute, vielleicht auch schlechter – wir wissen es einfach nicht. Lineares Hochrechnen geht nicht mehr, dazu ist bereits die Gegenwart viel zu volatil, unsicher, komplex und mehrdeutig, was mit dem Kürzel „VUKA-Welt“ Eingang in die einschlägige Literatur gefunden hat. Die unbekannte Zukunft liegt im Nebel.

Wie geht Politik mit dem Dilemma um?

Sie könnte sich vor der Bundeskanzlerin verneigen und sich an ihr ein Beispiel nehmen, gerade jetzt, wo ihr Ende als Politikerin naht. Merkel hat meiner Überzeugung nach dreierlei zu ihrem Politikstil gemacht: Sie hat aus den Notwendigkeiten des Hier und Heute entschieden und dafür die Verantwortung übernommen und (manchmal stoisch) getragen. Sie hat lange genug den Lauf der Dinge beobachtet, bevor sie entschieden hat. Und sie hat ihre „Macht aus der Überzeugungskraft des Status Quo“[1] gezogen. „Sie kennen mich“ ist das berühmt gewordene Zitat aus dem Wahlkampf 2013. Oder am 2.11.2018 in Warschau: „Ansonsten ist die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, solange sie es ist“. Und ein Viertes kommt hinzu: Sie hat, wohl häufig sehr uneitel und hinter den Kulissen der Öffentlichkeit erfolgreich, ihre moderierenden Fäden auf der europäischen und internationalen Bühne gesponnen. Sie ist im besten Sinne eine Netzwerkerin.

Das ist politische Zukunftsgestaltung in der VUKA-Welt. Schade, dass Frau Merkel ihren Politikstil nie beschrieben und kommentiert hat. So viel (Galgen-)Humor hätte ich ihr auch nicht zugetraut. Jetzt werden sich die Wähler – um mit Dirk Baecker zu sprechen – „an neue Adressen wenden, um einen Überblick zu behalten, der nicht mehr möglich ist“.

 

[1] Dirk Baecker: Zukunftsfähigkeit: 16 Thesen zur nächsten Gesellschaft, Revue für postheroisches Management, Heft 9 (2011), These 5: Die Politik der nächsten Gesellschaft ist militärisch, ökonomisch und ökologisch konservativ. Die Macht, die ihr bleibt, ergibt sich aus der Überzeugungskraft des Status Quo. Sie liefert die Adressen, an die man sich wendet, wenn man einen Überblick behalten möchte, der nicht mehr möglich ist.

Bernd Opp
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