Entscheidungsprozesse in Gruppen moderieren

Entscheidungsprozesse in Gruppen moderieren

Entscheidungsprozesse in Gruppen moderieren

Ein Beitrag von Dr. Stefan Groß

Die Beteiligung einer Gruppe in einem Entscheidungsprozess ist kein Selbstläufer. Allerdings sind es gerade unterschiedliche Sichtweisen, die für die Qualität des Ergebnisses, dessen Belastbarkeit und seine Anschlussfähigkeit höchst relevant sind. Es lohnt also, sich nicht nur Gedanken über das Was bei Entscheidungen zu machen, sondern vor allem über das Wie der Prozessgestaltung. 

Wer vor einer Entscheidung steht, kann diese alleine treffen, ohne andere Menschen am Prozess teilhaben zu lassen. Das funktioniert gut, weil es Komplexität reduziert. Allerdings ist dieser Weg durchaus risikobehaftet. Wichtige Informationen können bei eingeschränkter oder einseitiger Sichtweise fehlen. Alternative Optionen, wie es auch noch gegangen wäre, werden übersehen. Oder, der Entscheider geht an bestimmten Punkten schlicht von falschen Annahmen aus.

Eine zweite Variante besteht darin, dass man das Entscheiden einem standardisierten oder algorhythmisierten Prozess überlässt. Keine Diskussion. Dann wird entschieden – schnell, transparent, unbestechlich, zuverlässig, ohne Befindlichkeiten und konsequent; und das auf Basis vorher klar definierter Kriterien. Mögliche Programmierfehler, mangelhafte Informationen oder ein unvollständiges Prozessdesign können hierbei allerdings fatale Folgen haben. Schließlich kann nur das, was im Ablauf vorher festgelegt und in Form von Daten eingespeist worden ist, auch im Entscheidungsvorgang entsprechend berücksichtigt werden. Fehlt etwas oder ist eine Verknüpfung fehlerhaft, gerät der gesamte Prozess in Schieflage.

Möglichkeitsräume erkunden

Ein dritter Weg besteht darin, den Entscheidungsraum gemeinsam mit anderen zu erkunden. Unterschiedliche Sichtweisen, Erfahrungen und Einschätzungen können so miteinander vernetzt werden, dass die Wahrscheinlichkeit für tragfähige Entscheidungen steigt. Ein differenziertes Bild von Optionen, Risiken und guten Gründen entsteht. Freilich macht eine Gruppe noch lange kein Team aus, und viele Köche mit unterschiedlichen Geschmäckern können bekanntlich den Entscheidungsbrei auch ordentlich verwürzen. Wenn jeder nur beharrlich seine eigene Meinung vertritt, entsteht daraus kein gemeinsames Ergebnis. Dafür braucht es Strukturimpulse und Leitplanken für ein gemeinsames, zielorientiertes Vorgehen. Ein Moderator kann einer Gruppe bei der Erkundung des Entscheidungsraums helfen, sie vor Entscheidungsfallen warnen und zielorientiert den Kurs halten. Freilich darf die Reisebegleitung den Entscheidungsträgern ihre eigentliche Aufgabe nicht abnehmen. Solche partizipativen Prozesse können grundsätzlich sogar vom Entscheider selbst initiiert werden, wenn einige zentrale Aspekte besondere Berücksichtigung finden.

Unterschiedliche Perspektiven nutzen

Statt nur vergangenheitsorientiert der Frage nachzugehen, wie es zu einer bestimmten Situation kam, gilt es in Entscheidungsprozessen das Augenmerk konsequent darauf zu richten, welche Optionen es im jeweiligen Fall gibt. Beim gemeinsamen Durchspielen der Szenarien werden Risiken, Nebenwirkungen und Folgen sichtbar. Unterschiedliche Positionen können eingenommen werden. Vorhandene Widerstände und Bedenken werden sichtbar. Durch initiierte Perspektivenwechsel können auch von der Entscheidung betroffene Gruppen, wie etwa Kunden oder Mitarbeiter, in solche Reflexionsschleifen systematisch eingebunden werden, ohne dafür physisch anwesend sein zu müssen. Auf Basis transparenter und gemeinsam erarbeiteter Kriterien kann dann bewusst entschieden werden.

Um einem weit verbreiteten Missverständnis vorzubeugen: Die Antwort auf die Frage, wer entscheidet, muss in Moderation nicht zwangsweise „die Gruppe im Konsens“ lauten. Wichtige Informationen und Sichtweisen als Beteiligter in einen Entscheidungsprozess mit einzubringen heißt nicht automatisch, bei allem mitentscheiden zu dürfen oder zu müssen. Deshalb ist für alle unbedingt zu (er-)klären, wofür und wie weit die Gruppe an welcher Stelle im Prozess mit eingebunden wird.

Nach der Entscheidung ist vor der Entscheidung

Unsicherheit gehört zum Entscheidungsgeschäft. Ein professioneller Prozess unterstützt dabei, fällige Entscheidungen selbstbewusst, nach bestem Wissen und mit guten Gründen zu treffen. Wer sich die Folgen einer Nicht-Entscheidung ausmalt, stellt mitunter fest, dass dies bereits das eigentliche Worst-Case-Szenario darstellt. Gerade in komplexen Situationen empfiehlt es sich, in kleinen Schritten vorzugehen. So kann ausgetestet werden, wohin eingeschlagene Wege führen, wie sich bestimmte Optionen anfühlen, welche Resonanz entsteht und welche neuen Anschlussmöglichkeiten sich ergeben, wenn sich das Spiel durch eine getroffene Entscheidung verändert.

Damit ist der Prozess allerdings noch nicht an sein Ende gekommen. Ist eine Entscheidung getroffen, sollte unbedingt auch besprochen werden, wie das Ergebnis im Anschluss kommuniziert wird. Wie geht es ab jetzt konkret weiter? Wer übernimmt welche Rolle bei der Umsetzung? In welcher Form und wozu ist Feedback erwünscht? Gibt es einen Zeitpunkt, an dem die Entscheidung noch einmal gemeinsam überprüft wird? Wer diese Fragen zusammen mit anderen klärt, vermeidet, Wesentliches zu übersehen.

Entscheidungsfallen umgehen

Entscheidungssituationen sind immer herausforderungsvoll. Wenn man darüber hinaus noch andere Menschen in einen unterstützenden Kommunikationsprozess mit einbindet, können Elemente wie Macht, Hierarchie und Politik die eigentlichen Sachfragen leicht überdecken. Dann steht nicht mehr im Vordergrund, was ausgesagt wird, sondern wer gerade spricht. Auf diese Weise entstehen schnell unproduktive Rechtfertigungsmuster.

Ein zweiter problematischer Effekt von Gruppendiskussion ist, dass häufig nur jene Daten und Personen in Betracht für etwas gezogen werden, die gerade präsent sind. Nicht-Verfügbares (wie etwa Kunden) oder selbst relevante Informationen (die möglicherweise schwer messbar sind) geraten leicht aus dem Blick. Solche Fehlleistungen können vermindert werden, wenn das Wie des Entscheidungsprozesses nicht dem Zufall überlassen, sondern bewusst gestaltet und begleitet wird. Konsequente Visualisierung kann dabei auf besondere Weise unterstützen. Strukturiert und differenziert wird so Relevantes gemeinsam schrittweise in den Fokus genommen. Einzelne Punkte können inhaltlich vertieft oder in Beziehung zueinander gesetzt werden. Unterschiedliche Alternativen werden somit für alle vergleichbar. Einer guten Entscheidung steht dann nichts mehr im Wege.

Zum Weiterlesen: Das Buch „Moderationskompetenzen“ enthält praxiserprobte Anleitungen, wie Sie den Kommunikationsprozess in Gruppen zielführend begleiten und gestalten können. Einen Auszug zum Reinlesen finden Sie hier.

 

Über den Autor:

Dr. Stefan Groß
© Dr. Stefan Groß, Neuland Development & Training

Dr. Stefan Groß leitet Neulands Institute for Personnel Development bei Neuland Development & Training, Fulda, einem der führenden Anbieter für Moderationsseminare, Prozessbegleitungen und Beratung. Außerdem ist er Gastdozent an diversen Hochschulen in Deutschland, der Schweiz und in Nepal. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf der Moderation von Innovations- und Entscheidungsprozessen, der Verbesserung von Besprechungskultur und der Wirkung von Live-Visualisierung.

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