Zum Denken angestiftet: Das hier ist Wasser von David Foster Wallace


Zum Denken angestiftet: Das hier ist Wasser von David Foster Wallace

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Eine Anstiftung zum Denken.

Der Beginn: Schwimmen zwei junge Fische des Weges und treffen zufällig einen älteren Fisch, der in die Gegenrichtung unterwegs ist. Er nickt ihnen zu und sagt: „Morgen, Jungs. Wie ist das Wasser?“ Die zwei jungen Fische schwimmen eine Weile weiter, und schließlich wirft der eine dem anderen einen Blick zu und sagt: „Was zum Teufel ist Wasser?“

2005 hält David Foster Wallace diese leidenschaftliche und beeindruckende Rede vor dem Abschlussjahrgang der Studenten des Kenyon College. Er fokussiert darin auf den Unterschied zwischen der Fähigkeit zu denken und der Entscheidung, worüber es sich für mich lohnt zu denken. Er lädt seine Zuhörer/Leser ein, sich darüber bewusst zu werden, worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken wollen, was wir uns näher betrachten wollen und was auch nicht. Oder anders gesagt, entscheiden zu lernen, wann wir den Autopiloten und wann wir den Piloten in unserem täglichen Leben nutzen wollen. David Foster Wallace beschreibt eindringlich, was passiert, wenn wir unserem Autopiloten die Aufmerksamkeitsfokussierung überlassen: Es führt dazu, dass sich unser Blickwinkel immer stärker einengt und wir damit allmählich unsere Urteilskraft verlieren.

Das kann ja heiter werden!

Kurz nachdem ich das Buch gelesen hatte, hatte ich direkt Gelegenheit, an mir selbst auszuprobieren, wie es wirkt. Ich flog von München nach Köln. Im Flugzeug war ein kleines Kind, das nahezu durchgehend quengelte. In Ruhe lesen bzw. arbeiten können: Fehlanzeige. Wie einfach wäre es doch gewesen, meinem immer stärker werdenden Ärger darüber nachzugeben! Es hätte mich so wunderbar in meinem Wissen bestätigt, dass ich Eltern, die mit solch kleinen Kindern reisen, total rücksichtslos und vergnügungssüchtig finde. Früher ist man mit Kindern in diesem Alter zu Hause geblieben und die sind auch groß geworden … Sie sehen, die Spirale ließe sich leicht fortsetzen. Natürlich hätte es mich in meiner vorgefertigten Meinung bestätigen und meinen Ärger darob noch vertiefen können. Ich wäre total gestresst aus dem Flieger gestiegen, hätte mich womöglich in meinem Tunnel noch verlaufen, und meine Mitmenschen wären mir vor allem als Hindernisse vorgekommen. Mit Abstand betrachtet hätte es meinen Blickwinkel immer mehr eingeschränkt und vom Arbeiten oder Lesen immer weiter entfernt.

Worauf lohnt es sich, meine Aufmerksamkeit zu lenken?

Statt mich zu ärgern habe ich mich darin geübt, mich daran zu erfreuen, dass die Eltern keine Tricks und Mühen gescheut und sich immer wieder etwas Neues haben einfallen zu lassen, um den Kleinen abzulenken. Und was die nicht alles angestellt haben! So kam ich zwar auch nicht wirklich zum Lesen, erlebte jedoch eine ausgesprochen vergnügliche Stunde und meine Laune beim Aussteigen war einfach hervorragend. Sie war so gut, dass auch die lange Schlange am Mietwagenschalter gut auszuhalten war und ich entspannt meine Reise mit dem Mietwagen antreten konnte.

Der Lohn der Mühe: Perspektivenvielfalt.

Was war passiert: Statt Einengung, Ärger, Stress und ständiges Kreisen um meine Person war Offenheit, Empathie und Freude am Werke. Der Blick auf meine Umwelt und meine Mitmenschen bekam eine Chance und weitete meinen Horizont. Allerdings passiert das nicht automatisch, sondern ist mit Anstrengung und Mühe verbunden. Den Fokus vom Autopiloten auf den Piloten zu verschieben, kostet Energie, Kraft und zwingt einen dazu, sich im Umgang mit Mehrdeutigkeit (Ambiguität) zu üben. Dafür erhalten wir Perspektivenvielfalt, lernen uns im Sowohl-als-auch zu bewegen, entdecken Möglichkeiten und Gelegenheiten, die uns sonst verborgen geblieben werden.

Oder um mit den Worten von David Foster Wallace zu sprechen: Es geht um nichts weniger als um das eigene Gestalten des Lebens vor dem Tod. Oder auch darum, was es eigentlich bedeutet erwachsen zu sein und wie man ein sinnvolleres, stressfreieres Leben führen kann. Für alle, die es sich wert sind, das – zumindest manchmal – erreichen zu wollen, ist dieses Büchlein eine wahre Fundgrube.

Hochachtungsvoll
Cornelia Strobel

Cornelia Strobel
<img src="http://www.das-entscheiden.com/wp-content/uploads/2017/03/Conny-Strobel.jpg" /> <br><br> <b>Zur Person:</b> <br> Dr. Cornelia Strobel begann ihre berufliche Laufbahn als Wissenschaftlerin, Sachbearbeiterin, Programmleiterin und Führungskraft bei der MTU Aero Engines GmbH. Nach Gründung eines Ingenieurdienstleistungsunternehmens wurde sie Mitglied in der Unternehmensleitung mit den Schwerpunkten Marketing/Vertrieb und übernahm die Leitung einer Business Unit. Ab 2005 war sie als Beraterin und Leiterin der Region Süd für die Mühlenhoff Managementberatung tätig. <br><br> Seit 2011 ist Dr. Cornelia Strobel Gesellschafterin und Geschäftsführerin der NEXT IMPACT GmbH und leitet die Zentrale in München Bogenhausen. <br><br> <b>Auf einen Blick:</b><br> Studium der Chemie und Promotion<br> Systemischer und hypnosystemischer Coach, Team- und Organisationsberaterin<br> Philosophisches Jahr<br> Kontinuierliche Weiterbildung und Supervision in systemischen und hypnosystemischen Coachingmethoden und -verfahren<br> Zertifizierte KAIROS®Beraterin für Entscheidungs- und Problemlösungsverhalten<br> Zertifizierte DECISIO-Beraterin und Ausbilderin für die Gestaltung bewusster Entscheidungsprozesse<br> Systemische Organisationsberatung nach dem PENTAEDER-Modell<br> Ausbilderin im PENTAEDER-Institut<br> Vorstandsvorsitzende des PENTAEDER-Instituts<br> 25 Jahre Tätigkeit in leitender Funktion in Industrie und Managementberatung<br> <br><br>

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